Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Bildzeit und Bildrhythmen. Eine kunstwissenschaftliche Denkfigur und ihre rezeptionsästhetischen Implikationen

Johannes Grave (Bielefeld), Reinhard Wegner (Jena)

Teilprojekte Phase: 1. 2.

Bildzeit und Bildrhythmen. Eine kunstwissenschaftliche Denkfigur und ihre rezeptionsästhetischen Implikationen

Das Projekt greift die um 1900 verbreitete Rede von Bildrhythmen auf, um nach einer spezifisch bildlichen Zeitlichkeit zu fragen. Die traditionelle Differenzierung zwischen Raumkünsten und Zeitkünsten hat lange Zeit dazu geführt, dass die Temporalität von Bildern kaum beachtet oder aber auf Probleme der Bilderzählung reduziert wurde. Dass Bilder aufgrund ihrer materiellen, sinnlich erfahrbaren Eigenschaften und durch Darstellungen, die sie zur Erscheinung bringen, den zeitlichen Rezeptionsprozess ihrer Betrachtung maßgeblich prägen können, ist selten bemerkt und kaum näher untersucht worden. Zu den wenigen Ansätzen, mit denen sich ein klares Bewusstsein von der rezeptionsästhetischen Temporalität des Bildes abzeichnet, zählt die um 1900 verbreitete Idee, auch in Bildern Rhythmen ausmachen zu können. Insbesondere in der empirischen Ästhetik und der allgemeinen Kunstwissenschaft der Jahrhundertwende wurde Bildern auffällig oft das Potenzial zuerkannt, rhythmische Konstellationen aufzuweisen. Diese Diskussionen um den Rhythmusbegriff sind zuletzt wieder vermehrt auf Interesse gestoßen, aber noch nicht konsequent für ein besseres Verständnis der Zeitlichkeit des Bildes herangezogen worden.

Die Rede von Bildrhythmen hat jedoch – so die leitende These des Projekts – implizit zur Voraussetzung, dass sich Bilder durch eine eigene rezeptionsästhetische Temporalität auszeichnen: Die Suche nach Rhythmen ist nur sinnvoll, wenn Bilder durch ihre formalen Eigenschaften den zeitlichen Verlauf der Betrachtung beeinflussen und strukturieren können. Allein in konkreten Wahrnehmungsprozessen kann das rhythmische Potenzial von Bildern realisiert und freigesetzt werden. Ziel des Forschungsprojekts ist es, zu einem adäquaten Verständnis der Rede von Bildrhythmen beizutragen. Auf der Basis der wissensgeschichtlichen Rekonstruktion ausgewählter Ansätze und in Weiterführung jüngerer Positionen soll die Angemessenheit und Produktivität des Rhythmusbegriffs für die bildenden Künste dargelegt werden, um auf diese Weise eine besonders wirkmächtige Erscheinungsform der rezeptionsästhetischen Temporalität des Bildes zu fassen. Zwei historische Fallstudien bieten die Grundlage für dieses Vorhaben: Die erste Studie rekonstruiert aus vorrangig wissensgeschichtlicher Perspektive die Ausprägung und Anwendung des Rhythmusbegriffs in Ästhetik, Psychologie und bildender Kunst um 1900. Ein besonderes Augenmerk wird dabei der Rezeption von ostasiatischen Bildkulturen gelten. Die zweite Studie ist dem exemplarischen Fall Max Klinger gewidmet und untersucht rhythmische Konstellationen sowie andere Formen komplexer Zeitgestaltung in Klingers Bildern und Bildfolgen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Klingers Bezügen zur Musik und zur Rhythmus-Debatte an seinem Wirkungsort Leipzig. Eine systematisch angelegte Studie schließlich entwickelt den begrifflichen und analytischen Rahmen für eine Rezeptionsästhetik des Bildes unter besonderer Berücksichtigung der Frage von Bildzeit und Bildrhythmik.

Teilprojekt an der Universität Bielefeld

Prof. Dr. Johannes Grave (Leitung): Bildliche Rhythmen als exemplarische Artikulationsform der rezeptionsästhetischen Temporalität des Bildes

PD Dr. Boris Roman Gibhardt: Bildrhythmus und Zeitgestalt. Temporale Konzeptionen der Bildwahrnehmung in Kunst, Ästhetik und Psychologie um 1900

Teilprojekt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Prof. Dr. Reinhard Wegner (Leitung)

Max Pommer: Rhythmische Konstellationen in Max Klingers Bildern und graphischen Folgen