Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Chronotopographie der DDR-Literatur

Michael Ostheimer (Chemnitz)

Teilprojekte Phase: 1. 2.

Chronotopographie der DDR-Literatur

Über 20 Jahre nach dem Ende des Staates DDR ist die Forschungssituation zur DDR-Literatur von einem nicht klar abgegrenzten Gegenstandsbereich und konzeptueller Ratlosigkeit gekennzeichnet. Das geplante Forschungsvorhaben plädiert dafür, die gegenwärtig noch vorherrschende sozialgeschichtliche Fundierung der DDR-Literatur ins Zeiträumliche zu wenden. Ausgangspunkt sind zwei zentrale Charakteristika der DDR-Literatur: Erstens die Entwicklung in einem abgeschotteten politischen Raum; zweitens die Arbeitswelt in einer sozialistischen Gesellschaft als zentraler Bereich der gewandelten gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das Vorhaben erklärt den von dem russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin geprägten Begriff »Chronotopos« zur zentralen Beschreibungskategorie für unterschiedliche Formen der Verzeitlichung des Raums in der DDR-Literatur. Das spezielle Erkenntnisinteresse richtet sich dabei einerseits auf die Beschreibung der spezifisch strukturierten raumzeitlichen Ordnungsstrukturen, auf ihre wechselseitige Verhältnisbestimmung sowie auf ihr Verhältnis zu politischen, wissenschaftlichen und philosophischen Argumentationen, andererseits auf die historische Transformation der Chronotopoi und besonders auf die Gegenüberstellung von Chronotopoi der DDR-Literatur und Chronotopoi der Post-DDR-Literatur.

Die Leitthese des Projekts besagt, dass sich die DDR-Literatur durch drei zentrale Chronotopoi (utopischer, idyllischer und liminaler), die Post-DDR-Literatur durch zwei maßgebliche Chronotopoi (transformierender und memorialer) auszeichnet. Der utopische Chronotopos mit seiner auf dem linearen Zeitmodell aufruhenden Fortschrittsideologie, der idyllische Chronotopos mit der Nische als ausgespartem Raum des Aufgehens in der Gegenwart und der liminale Chronotopos mit seiner Entwertung der Zeit angesichts des realen gesellschaftlichen Stillstands bilden drei DDR-typische ästhetische Repräsentationen des räumlich verankerten Zeit-Wissens. Nach 1989 werden diese drei Übergänge zwischen gesellschaftlichen und künstlerischen Temporalitäten abgelöst durch ein Zusammenspiel von transformatorischem und memorialem Chronotopos, durch die literarische Inszenierung des ursprünglichen Georaums der DDR in Gestalt einer erneuten Landnahme bzw. einer imaginären Erinnerungslandschaft.

Das Ensemble der Chronotopoi vermag miteinander zu vermitteln, was man gemeinhin voneinander trennt (Aufbau-, Ankunfts- bis hin zur Wendeliteratur), um die Ko-Präsenz einer Pluralität von thematischen Tendenzen als zeitliches Nebeneinander von differenten ästhetischen Eigenzeiten ausweisen zu können. Die Modellierung der räumlichen Polychronie liefert demnach die Grundlage zu einer literaturgeschichtlichen Neuperspektivierung, zu einer zeiträumlich basierten, chronotopographischen DDR-Literaturgeschichte.