Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Die Zeit des Klimas. Zur Verzeitlichung der Natur in der literarischen Moderne

Eva Horn (Wien)

Teilprojekte Phase: 1. 2.

Die Zeit des Klimas. Zur Verzeitlichung von Natur in der literarischen Moderne

»Klima« ist von der Antike bis ins späte 18. Jahrhundert eine Kategorie der lokalen Differenzierung, die Mentalitäten und Kulturen auf ihre meteorologischen Existenzbedingungen zurückführt. Mit Herders Klima-Anthropologie einerseits, mit der Entdeckung einer longue durée der Naturgeschichte und ihrer klimatischen Zäsuren (Eiszeiten) durch Buffon und Cuvier andererseits beginnt »Klima«, sich von einer lokalen zu einer globalen und zeitlichen Kategorie zu wandeln. Aus Klima als Kategorie des Orts wird allmählich eine komplizierte und rätselhafte Geschichte des Welt-Klimas. Von der Entdeckung der Eiszeiten im 19. Jahrhundert bis zu den heutigen Verfahren der Klimaforschung wird Klima damit als zugleich globale und zeitliche Kategorie gefasst, deren Herausforderung in der Tiefe dieser Zeitlichkeit und in der Möglichkeit einer Prognose künftiger Entwicklungen liegt.

Damit stellt sich wissenschaftshistorisch und ästhetisch die Frage nach der Darstellbarkeit dieser Zeitlichkeit. In Form von Wetter-Ereignissen, Landschaftsdarstellungen, Jahreszeit-Gedichten, aber auch Imaginationen klimatischer Katastrophen und Umbrüche wird Klima – sowohl als Natur-Zeit als auch als menschliche Lebens-Zeit – wird Klima zu einem Gegenstand literarischer Reflexion und ästhetischer Zeit-Darstellung. Umgekehrt können literarische Texte als Symptom für einen Umbruch von Klima entziffert werden. Gerade weil Klima aber, anders als das ereignishafte Wetter, als Durchschnittsbildung und Erwartungshorizont eine abstrakte Kategorie und damit ein »Hintergrundphänomen« ist, werden literarische Verfahren entwickelt, um die Zeit des Klimas in ästhetische Formen zu bringen: z. B. durch narrative Raffung, Zirkularität wiederkehrender Jahreszeiten, Vorlauf und Rücklauf, durch Entzifferung von Fossilen und geologischen Schichten oder durch Ausmalung von Klima-Ereignissen (wie etwa einer Eiszeit).

Das Projekt untersucht diesen Prozess einer Verzeitlichung von »Klima« – als Begriff und Phänomen – anhand von Beispielen aus der Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts. Es soll dabei zugleich die Verfahren ausleuchten, mit denen Fiktion (Literatur und im 20./21. Jahrhundert auch der Film) zum Medium wird, in dem das abstrakte und globale Klima erfahrbar und anschaulich wird und somit zum Gegenstand eines spezifischen Wissens werden kann. Im Klima wird Zeit ästhetisch darstellbar gemacht. Das Projekt stellt die Eigenlogik dieser ästhetischen Darstellungen von Wetter und Klima den wissenschaftlichen Diskursen einer Erfassung und Prognose von Klima gegenüber und untersucht, wie im ästhetischen Raum ein anderes Wissen dieser meteorologischen Phänomene generiert wird.