Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

»Time has come today«. Die Eigenzeiten popmusikalischer Chronotope und ihr Beitrag zur temporalen Differenzierung von Lebenswelten seit den 1960er Jahren

Dominik Schrage (Dresden)

Übersicht der Teilprojekte

»Time has come today«. Die Eigenzeiten popmusikalischer Chronotope und ihr Beitrag zur temporalen Differenzierung von Lebenswelten seit den 1960er Jahren

Musik ist genuin temporal strukturiert. Zeitwahrnehmung wird durch Musik strukturiert und auf vielfältige Art ästhetisch gestaltet. Im Alltag des 20. Jahrhunderts wird populäre Musik omnipräsent. Ästhetische Innovation ist bei ihr stark von der Akzeptanz neuer musikalischer Formen durch ein gesellschaftlich ubiquitäres und sich zugleich ausdifferenzierendes Publikum abhängig. Populärmusikalische Darstellung, ihre Wahrnehmung und Praxis beruhen deshalb auf situativen Korrespondenzen zwischen ästhetischen und sozialen Zeitstrukturen. Wandelbare Publikumspräferenzen können ästhetische Innovationen ermöglichen oder kanalisieren, zugleich werden musikalische, also zeitgebundene Formen in den Alltag eingebunden und erfüllen dabei gesellschaftliche Orientierungsfunktionen.

Diese Vermittlungsleistung populärer Musik tritt in Phasen sozialen und kulturellen Wandels besonders hervor, weshalb der historische Schwerpunkt des Projekts auf der Zeit der 1960er bis 1980er Jahre in der Bundesrepublik liegt. Verbreitet ist die Auffassung, Popmusik habe die kulturellen Umbrüche dieser Zeit begleitet und symbolisiert. Die weitergehende, das SPP-Programm aufgreifende These des Projekts lautet, dass populäre Musik als ästhetische Praxis dabei eine prägende Rolle einnahm. Damit wird ein Beitrag zur materialen Fundierung der im SPP-Programm vorgeschlagenen Revision bestehender Moderne-Konzepte geleistet. Das Teilprojekt untersucht die Frage nach den aisthetischen, technisch-materialen und musikalischen Formen anhand von konkreten Modellierungen selbstreferentieller Zeitebenen und ihrer Verknüpfungen mit sozialen Zeitschemata (Biographien, Muster der Zeitverwendung, soziale Transformationsprozesse und gruppenspezifische Sonderzeiten). In diesem Sinne zielt das Projekt auf eine theoretische Reflexion der von der populären Musik als historischem Artefakt bewirkten ästhetischen und sozialen Zeitstrukturen ab.

Dazu wird ein elaboriertes Konzept popmusikalischer Chronotope entwickelt, das Bachtins Begriff des Chrontopos aufgreift und weiterentwickelt. Es bezeichnet einen Kristallisationspunkt popmusikalischer Kultur, nämlich raumzeitliche Ordnungen, die durch Musikerleben konstituiert werden. Exemplarisch soll dies an zwei popmusikalischen Chronotopen untersucht werden: der »progressiven Landdisko« (1965–1980) und den »Ruinen der Negativität« (1975–1988).

Theoretisch ist mit dem Begriff des Erlebens eine Ebene situativer, emotionaler Beteiligung angesprochen, die sowohl in ästhetische Eigenzeiten als auch lebensweltliche Vollzüge involviert ist und diese somit vermittelt. Empirisch sollen von Beteiligten popmusikalischer Chronotope retrospektiv erinnerte oder textlich dokumentierte Eindrücke von Stimmigkeit genutzt werden, um auf Korrespondenzen, Divergenzen und Wechselwirkungen zwischen ästhetischer Darstellung, subjektivem Erleben und sozialen Zeitschemata zu schließen.

(»Time has Come Today« ist ein Titel von den Chambers Brothers von 1967)