Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Szenarien des Kurzweiligen. Zeitökonomien im populären Theater des 19. Jahrhunderts

Ethel Matala de Mazza (HU Berlin)

Teilprojekte Phase: 1. 2.

Szenarien des Kurzweiligen. Zeitökonomien im populären Theater des 19. Jahrhunderts

Die vielfältigen Anstrengungen einer Theaterreform, die europaweit im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts unternommen wurden, haben auf den Bühnen des Unterhaltungstheaters mindestens so nachhaltige Spuren hinterlassen wie in den hohen Gattungen von Oper und Drama. Die folgenreichsten Eingriffe galten szenischen Zeitregimen und hatten in Komödie, Tragödie und Seria-Oper gegenstrebige Neuordnungen zum Ziel. Während das Verbot des Extemporierens – des Sprechens »aus dem Moment« – das Komödienpersonal zu höherer Disziplin anhielt und Zeitvergeudungen mit Possen und Harlekinaden unterband, gewannen die ernsten Genres, befreit von den Fesseln rhetorischer Maßregelung, größere Spielräume. Sie durften die ritualisierte Statik der Opernarie ebenso hinter sich lassen wie das metrische Korsett barocker Alexandrinerverse und sich der Eigendynamik eines empfundenen Bewegtseins anheim geben, auch wenn dadurch die äußere Handlung stillstand. Geprägt worden sind von diesen Innovationsbestrebungen mehrere Theaterformen, die Drama und Musik, Prosa und Poesie, Rede und Gesang miteinander verkoppeln und auf den Bühnen des 19. Jahrhunderts ungleich populärer waren als die Dramen des reinen Sprechtheaters. Statt auf die Einheit von Zeit, Ort und Handlung setzen sie auf deren konsequente Differenzierung; ihre anhaltende Konjunktur verdankten sie der gebotenen Kurzweil, mit der sie in Berlin, London, Paris und Wien ein urbanes Massenpublikum unterhielten. Auffällig – und bislang nur in Ansätzen erforscht – ist dabei die enorme Bandbreite des multimedialen Formenrepertoires dieser Stücke, das ihnen nicht nur ein virtuoses Spiel mit Raffungen und Beschleunigungen, Dehnungen und Verdichtungen gestattet, sondern auch Raum für fortlaufende Zeitreflexionen im Modus der Liedeinlage, des Wechsels von Prosa- und Versrede und des inszenierten Zeitsprungs lässt.

Die damit verbundenen Möglichkeiten der medialen und performativen Bearbeitung von Zeitverhältnissen stehen im Zentrum des Forschungsprojekts. Historisch konzentrieren sich die Untersuchungen auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts und nehmen mit dem europäischen Melodram einerseits, der Wiener Volkskomödie andererseits zwei paradigmatische Spielarten des Unterhaltungstheaters in den Blick. Neben den prägendsten Formelementen dieser Genres – dem Couplet als gebändigtem Ex tempore im Fall der Volkskomödie; den rhythmisierenden Wort-Musik-Montagen im Fall des Melodrams – richtet sich das Augenmerk daran insbesondere auf die spezifischen Zeitökonomien in Aufführungspraxis und Produktionsweise der Stücke: auf die inszenierte Zeitnot, die häufig für Turbulenzen im Handlungsgefüge sorgt; auf das durch Spielpläne und kommerzielle Gewinninteressen diktierte Tempo der Stückfabrikation; auf die Modellierung von immerzu wechselnden Aktualitätsbezügen, die diesem Kalkül mit der Kurzlebigkeit entspringen. Gefragt werden soll überdies nach der Spezifik des populären Geschichtswissens, das sich in den multiplen Repetitionsmustern ausbildet, mit denen die Stücke konsequent umgehen.