Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Die Zeit der Tiere. Zur Biodiversität modernen Zeitwissens

Lena Kugler (Konstanz)

Teilprojekte Phase: 1. 2.

Die Zeit der Tiere. Zur Biodiversität modernen Zeitwissens

Schon in der Ursprungsmenagerie der Mythen und Religionen zeigt sich, dass ›die‹ Zeit keine anthropologische Konstante sein kann und eine zoologische nur in dem Sinn, als sie immer wieder im Bild unterschiedlicher Tiere erscheint: Ob sich die Zeit zur Unendlichkeit öffnet, indem sich die Schlange Ouroboros in den eigenen Schwanz beißt und sich der Tierleib zum Kreis schließt, ob Ursprungsvögel das Weltenei legen oder den Berg »Ewigkeit« abtragen, ob die Regenbogenschlange eine stets aktualisierbare und dennoch zeitlose Existenz verkörpert oder am Anfang der jüdischen Welt die Monster tohu und bohu stehen – gerade an den unterschiedlichen Tieren lässt sich die Heterogenität von Zeitvorstellungen ablesen.

Inwiefern sich gerade die Moderne mit ihren unterschiedlichen Konzeptionen von Zeit und Zeitlichkeit als eine ›Zeit der Tiere‹ analysieren lässt, soll im hier skizzierten Projekt untersucht werden. Wie das Programm des SPP Ästhetische Eigenzeiten ausführt, bedarf ›die‹ Zeit als nicht allgemein fassbares Phänomen notwendigerweise der Darstellung, womit ihr Erscheinen unhintergehbar an konkrete Formen und Formgebungen, an Narrative, Objekte und Artefakte gebunden ist. Der Ansatz des skizzierten Projekts liegt nun darin herauszuarbeiten, dass es sich bei diesen modernen Zeit-Narrativen, -Objekten und -Artefakten immer wieder um solche der Tiere handelt. Vom »Pflock des Augenblicks«, an das Nietzsche bekanntlich ›das‹ Tier mehr oder minder gewaltsam kettete (Nietzsche [1874], S. 97), scheint es sich jedenfalls wiederholt losgerissen zu haben, um in verschiedenen Konstellationen auch als zeitliches »Übertier« (ebenfalls Nietzsche [1878–1880], S. 481; siehe auch Bühler und Rieger 2006) aufzutreten.

Ob mit den Fossilien die geologische Tiefenzeit datiert und das Alter der Menschheit bestimmt wird; ob mit dem Animalpräparat die Naturgeschichte explizit ihre Praxis und gleichzeitig ihre Medienästhetik erhält; ob gemeinsam mit dem Schlachtvieh Produktionsabläufe am Fließband zerlegt und beschleunigt werden oder ob mit dem Schlafverhalten von Vögeln die ‚autonome‹ innere Uhr des Menschen zum Forschungsgegenstand wird – stets sind es konkrete Tiere, mit denen in unterschiedlichen Techniken und Praktiken spezifisches Zeitwissen gleichermaßen zur Dar- wie zur Herstellung gelangt.

Von der Moderne als einer ›Zeit der Tiere‹ lässt sich darum in zweifacher Hinsicht sprechen: Zum einen speisen sich die verschiedenen Verzeitlichungs- und Synchronisierungstendenzen auch und gerade aus dem mit den Tieren gewonnenen Zeitwissen. Zum anderen treten die unterschiedlichen Tiere und die mit ihnen entstehenden Narrative, Arte- und Biofakte immer auch als Träger einer genuin eigenen Zeit und Zeitlichkeit auf, da sie sich »ob affirmativ oder negierend, in eigensinniger Weise auf Prozesse der Synchronisierung beziehen« (Ästhetische Eigenzeiten, Wissenschaftliches Programm, S. 4).

Sehr frei nach Engels [1876] will das Projekt den »Anteil der Tiere an der modernen Polychronwerdung der Zeit« herausarbeiten, indem fünf unterschiedliche sich in der Moderne bildende Formationen von Zeitwissen – Tiefenzeit, Präparierte Zeit, Physiologie der Zeit, Produktionszeit und die Zukunft der Tiere – in den Blick genommen werden, um die Zoonomie ihrer Dar- und Herstellungsweisen zu untersuchen.

Zitierte Literatur

  • Bühler, Benjamin und Rieger, Stefan: Vom Übertier. Ein Bestiarium des Wissens, Frankfurt a.M. 2006.
  • Engels, Friedrich: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung der Affen [1876], in: ders.: Dialektik der Natur [1873–1886], Berlin 1975, S. 163–177.
  • Nietzsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen [1874], Frankfurt a.M. 2000.
  • Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches [1878–1880], in: ders.: Werke in drei Bänden, München 1954, Bd. 1.