Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Bild – Blick – Zeit. Die rezeptionsästhetische Temporalität des Bildes

Johannes Grave (Bielefeld), Reinhard Wegner (Jena)

Übersicht der Teilprojekte

Bild – Blick – Zeit. Die rezeptionsästhetische Temporalität des Bildes

Bilder sind auf besondere Weise in Zeitlichkeit verstrickt; in ihnen verschränken sich unvermeidlich verschiedenste Zeitebenen (die Zeit des Dargestellten, die Alterung des Bildträgers, Prozesse der Wahrnehmung, Erinnerungen und Erwartungen des Betrachters etc.). Die Wahrnehmung von Bildern lässt sich daher nicht als simultane Schau einer gegebenen visuellen Ganzheit verstehen, sondern vollzieht sich in einer eigenen Zeit, in der das Sehen vorgezeichneten Spuren folgt oder neue Wege durch das im Bild anschaulich Gegebene bahnt. Jeder Akt des Bild-Betrachtens impliziert Prozesse, in denen verschiedene Elemente des Bildes zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Für die Spezifik der Zeiterfahrungen vor Bildern sind deren rezeptionsästhetische Qualitäten von zentraler Bedeutung. Durch seine Gestaltung ermöglicht das Bild bestimmte Wahrnehmungsprozesse oder schränkt sie ein. Inwiefern und mit welchen Mitteln Bilder die komplexe Zeitlichkeit ihrer Rezeption beeinflussen, ist jedoch noch weitgehend ungeklärt. Ältere Ansätze, in Bildern vergleichsweise präzise Vorgaben für die Abfolge der Betrachtung zu vermuten, haben sich nicht durchsetzen können. Das Projekt wird daher nicht vorrangig nach linearen Verlaufsmustern, sondern nach bildinternen Widerstreiten fragen, die eine zeitliche Erstreckung der Rezeption zur Folge haben.

Im kritischen Rückblick auf die bisherige Forschung zum Verhältnis von Bild und Zeit sowie auf empirische und kognitionswissenschaftliche Ansätze soll das Projekt die kunsthistorische Rezeptionsästhetik weiterentwickeln und um deren bisher vernachlässigte temporalen Aspekte bereichern. Dazu sind systematische und historische Perspektiven miteinander zu verknüpfen. Zwei historische Fallstudien sollen erschließen, wie die rezeptionsästhetische Zeitlichkeit im 19. Jahrhunderts reflektiert und in das ästhetische Kalkül einbezogen wurde.

Die erste Studie soll für den Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ideal der lebendigen Darstellung zu rekonstruieren versuchen, dessen primäres Interesse der Frage gilt, wie den Darstellungsmitteln Lebendigkeit und Beweglichkeit zukommen kann. Im Zentrum dieser Studie stehen romantische Bildallegorien sowie die Integration von Schrift in Bilder. Die zweite Studie ist dem Werk Adolph Menzels gewidmet, in dem die Darstellung von Zeit und die Zeitlichkeit der Darstellung besonders markant zusammentreten.

Im Rückgriff auf die Beobachtungen und Ergebnisse dieser historischen Fallstudien wird eine systematisch angelegte Untersuchung schließlich den begrifflichen und analytischen Rahmen für eine Rezeptionsästhetik des Bildes entwickeln, die die Zeitlichkeit des Akts der Bildbetrachtung in ihr Zentrum stellt. Dabei ist nicht zuletzt eine neue Antwort auf die Frage zu erwarten, warum Bildern auch jenseits einer Rhetorik der Evidenz oder täuschenden Realitätseffekten eine besondere Wirkmacht zukommen kann.

Teilprojekt Bielefeld (Leitung Prof. Dr. Johannes Grave)

Prof. Dr. Johannes Grave: Der Akt des Betrachtens. Zur rezeptionsästhetischen Temporalität von Bildern (systematische Studie)
Dr. Boris Roman Gibhardt: Lebendige Darstellung. Dynamische Konzepte bildlicher Darstellung um 1800 (historische Fallstudie)

Teilprojekt Jena (Leitung Prof. Dr. Reinhard Wegner)

Frida-Marie Grigull, M. A.: Der bewegte Blick. Dynamisierungsprozesse als Darstellungs- und Wahrnehmungsstrategien in den Werken Adolph Menzels (historische Fallstudie)