Ästhetische Eigenzeiten – Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne

Dramatische Eigenzeiten des Politischen

Michael Gamper (Hannover), Peter Schnyder (Neuchâtel)

Übersicht der Teilprojekte

Dramatische Eigenzeiten des Politischen

Das Teilprojekt verbindet zeitbezogene dramenästhetische Fragestellungen mit Untersuchungsperspektiven, welche die Emergenz neuer geschichtlicher und politischer Zeitregime seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Blick nehmen. Dabei geraten Verzeitlichungsszenarien der Geschichte im Übergang zum Historismus genauso in den Fokus wie die sich verändernden zeitlichen Ordnungen des Politischen, die sich durch den Umbau des Feudalsystems in einen Verwaltungsstaat, durch die Beschneidung von personaler Handlungsmacht durch Gesetzesherrschaft, durch mediale Veränderungen der politischen Kommunikation oder durch die Kritik des Naturrechts aus der Sichtweise einer longue durée der politischen Gemeinschaft in der ›politischen Romantik‹ ergeben. Diese semantischen, medialen und konzeptuellen Verschiebungen werden dabei stets auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Logik und Ästhetik der Darstellung betrachtet.

Das Drama eignet sich als Vermittlungs-, Darstellungs- und Reflexionsmedium solcher zugleich epistemologischen und poetologischen Veränderungen, da es wirkmächtigen gattungsgeschichtlichen formalen Vorgaben unterliegt, gleichzeitig aber, durch seine Einbindung in die sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verändernde Institution des Theaters, sensibel für Veränderungen in der gesellschaftlichen Sphäre ist und sich programmatisch auf die Öffnung zukünftiger Möglichkeitsräume verlegt. Es entwirft auf Grund seiner gattungsspezifischen Anlage notwendigerweise eine immer neue und eigene immanente zeiträumliche Ordnung, die jeweils in einem mehr oder weniger ausgeprägten Kontrast zu den Zeit-Ordnungen seines Entstehungskontextes steht. Darüber hinaus ist das einzelne dramatische Werk aber auch geprägt von den Spannungen zwischen dem in der Vergangenheit liegenden Stoff und der Situation in der Gegenwart der Abfassung sowie zwischen der Vergangenheit der Abfassung und der Gegenwart der Aufführung. Und angesichts der durch Aufführung oder Lektüre wechselnden historischen Aktualisierungen lässt es immer neue zukünftige Zeithorizonte aufscheinen.

Die übergreifende zeittheoretische Leitperspektive ist also, wie in literarischen Dramen zwischen 1770 und 1850 durch die Thematisierung politischer Handlungen und Ereignisse die veränderten Rhythmen und Zeitstrukturen in der Politik unter den Bedingungen der gattungsspezifischen Zeitverhältnisse des Dramas inszeniert und reflektiert werden. Auf dieser Grundlage ergibt sich eine Reihe von konkreten Fragestellungen, die an ausgewählten Texten unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Aufführungspraxis und der jeweiligen Kontexte untersucht werden sollen. Vorgesehen ist die Erschließung der dramatischen Eigenzeiten des Politischen in ihren grundlegenden theoretischen Implikationen und materiellen Entfaltungsvariationen durch die beiden Projektleiter sowie in exemplarischen Studien durch zwei Doktorand/innen.